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Buddhismus und Quantenphysik - Deutsch

by Christian Thomas Kohl

Buddhismus und Quantenphysik

Eine seltsame Parallelität zweier Wirklichkeitsbegriffe

Abstrakt

Es gibt eine überraschende Parallelität zwischen dem philosophischen
Wirklichkeitsbegriff der Philosophie Nagarjunas und dem physikalischen
Wirklichkeitsbegriff der Quantenphysik. Für beide besteht die fundamentale Wirklichkeit
nicht aus einem festen Kern, sondern aus Systemen wechselwirkender Gegensätze. Diese
Wirklichkeitsbegriffe lassen sich nicht mit den substantiellen, subjektivistischen,
holistischen und instrumentalistischen Wirklichkeitsbegriffen vereinbaren, die den
modernen Denkweisen zugrunde liegen.

1. Nagarjunas Wirklichkeitsbegriff

Nagarjuna war der bedeutendste buddhistische Philosoph Indiens. Nach Etienne Lamotte
lebte er in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts nach Christus. Seine Philosophie ist von
großer Aktualität. Bis heute bestimmt sie das Denken aller Traditionen des tibetischen
Buddhismus. Ãœber seine Person haben wir wenig gesicherte Erkenntnisse, aber viele
Legenden, auf die hier nicht eingegangen werden soll. Allerdings gilt die Authentizität
von dreizehn seiner Werke in der wissenschaftlichen Forschung als gesichert. Um die
Überprüfung und Übersetzung dieser dreizehn Werke hat sich besonders der dänische
Wissenschaftler Chr. Lindtner bemüht. (1) Nagarjunas Hauptwerk, Mulamadhyamaka-
Karikas, Merkverse der mittleren Lehre (abgekürzt: MMK), ist 1997 in einer
anspruchsvollen deutschen Übersetzung erschienen. (2) Der Indologe Claus Oetke hat für
die Übersetzung viele interessante Verbesserungsvorschläge gemacht, die von mir
berücksichtigt worden sind. (3) Nagarjuna ist der Begründer der philosophischen Schule
des mittleren Weges, Madhyamaka. Der mittlere Weg stellt einen spirituellen und
philosophischen Weg dar, der extreme metaphysische Konzepte vermeiden möchte, ganz
besonders die Konzepte des substantiellen und subjektivistischen Denkens in ihren
verschiedenen Formen. In Nagarjunas Hauptwerk MMK wird der mittlere Weg
folgendermaßen beschrieben: "24.18 Das Entstehen in gegenseitiger Abhängigkeit
(pratītyasamutpāda), dies ist es, was wir ‚Substanzlosigkeit‘ (śunyatā) nennen. Das ist
(aber nur) ein abhängiger Begriff (pajñapti); gerade sie (die Substanzlosigkeit) bildet den
mittleren Weg".

Nagarjunas Philosophie besteht hauptsächlich aus zwei Aspekten. Zum einen aus der
Darlegung eines eigenen Wirklichkeitsbegriffs (pratītyasamutpāda & śunyatā), nach dem
die grundlegende Wirklichkeit keinen festen Kern hat und nicht aus unabhängigen,
substantiellen Grundbausteinen, sondern aus Zwei-Körper-Systemen besteht, deren
materielle oder immaterielle Körper wechselwirken. Dieser Wirklichkeitsbegriff wird
einem der Schlüsselbegriffe der traditionellen Metaphysik Indiens dichotomisch
entgegengestellt: svabhava (eigenes Sein). Zum anderen aus Hinweisen auf die inneren
Widersprüche von vier extremen Wirklichkeitsbegriffen, die nicht ausführlich, sondern
nur in ihren Prinzipien dargestellt werden. Allerdings kann man leicht erkennen,
auf welche Denkweisen sich diese Prinzipien beziehen und das ist wichtig, denn dabei
geht es gerade um unsere extremen metaphysischen Denkweisen, die es uns nicht
gestatten, die Wirklichkeit zu erkennen. Es geht nicht nur um eine Auseinandersetzung
mit der traditionellen Metaphysik Indiens. Diese vier extremen Ansätze beziehe ich auf
die substantiellen, subjektivistischen, holistischen und instrumentalistischen Denkweisen
der modernen Welt. Um diese Denkweisen wirkungsvoll unterlaufen zu können, muss
man sie als solche erste einmal erkannt haben. Deswegen sollen sie hier ohne
Vollständigkeitsanspruch in kurz gefasster Form skizziert werden:

Substantialismus

In Europa steht das substantielle Denken im Zentrum der traditionellen Metaphysik, von
den Vorsokratikern, über Platon bis Kant. Für die traditionelle Metaphysik ist Substanz
oder eigenes Sein etwas, das unveränderlich, sich selbst ewig gleich, von nichts anderem
abhängig, durch sich selbst existierend ist. Substanz ist der Daseinsgrund für alles andere,
die immaterielle Grundlage der Welt, in der wir leben. Unter der höchsten Substanz
wurde in der traditionellen Metaphysik oft Gott oder ein göttliches Wesen verstanden.
Seit Kant ist die erste Frage der Philosophie nicht mehr die nach der Wirklichkeit,
sondern nach dem Geist oder nach dem Ursprung der Erkenntnis. Deshalb hat die
traditionelle Metaphysik in der modernen Welt an Boden verloren. Allerdings sind die
zentralen Begriffe der traditionellen Metaphysik, wie Sein, Substanz, Wirklichkeit etc.
durch substantielle und reduktionistische Denkweisen moderner Naturwissenschaftler
ersetzt worden: Nun sollen Atome, Elementarteilchen, Energie, Kraftfelder,
Naturgesetze, Symmetrien etc. der Daseinsgrund für alles andere sein.

Subjektivismus

Unter einem subjektivistischen Denken verstehe ich, die durch Descartes eingeleitete
Wendung zum Subjekt, d.h. die Lehre, dass das Bewusstsein das primär gegebene sei,
alles andere aber Inhalt, Form oder Schöpfung des Bewusstseins. Den Höhepunkt dieses
Subjektivismus stellt der Idealismus Berkeleys dar. Als gemäßigter Subjektivismus oder
Idealismus dieser Art kann der Kantianismus betrachtet werden. Der Primat der
Subjektivität oder des Selbstbewusstsein ist bekanntlich seit Descartes der Drehpunkt des
modernen philosophischen Denkens, der ihm Evidenz und Gewissheit verschafft. Das ist
von den modernen Naturwissenschaften mit ihrer mathematischen Objektivität stets
bezweifelt worden. Allerdings hat dieser Zweifel nicht zu einem neuen komplementären
Wirklichkeitsbegriff geführt, sondern nur zu der verhängnisvollen Trennung zwischen
Philosophie und Naturwissenschaften, und den Dualismus nur noch verschärft, der das
moderne Denken noch immer in Atem hält.

Holismus

Der dritte Ansatz versucht dem verhängnisvollen Entweder-Oder-Schema der ersten
beiden Ansätze zu entgehen, indem er die beiden Körper zu einem Ganzen fusionieren
läßt, bei dem es genau genommen keine Teile mehr gibt, nur eine Identität, es ist alles
eins. Das Ganze wird verabsolutiert und mystifiziert, es wird zu einer selbständigen
Einheit, die unabhängig von ihren Teilen besteht. Ganzheit wird nun offenbar als
etwas Konkretes verstanden, so als ob das Ganze ein Erfahrungsbegriff sei. Als eine
philosophische Grundhaltung aller großen Epochen der europäischen
Philosophiegeschichte ist dieser Ansatz mit den Namen Aristoteles, Thomas von Aquin,
Leibniz, Schelling und Hegel verbunden und durch David Bohm für die Quantenphysik
vertreten.

Instrumentalismus

Der vierte Ansatz besteht in einer Zurückweisung oder Ignorierung der Existenz von
Subjekt & Objekt. Statt den einen oder den anderen Ansatz zu bevorzugen oder beide
zusammen, weist dieser metaphysische Ansatz beide zurück. Die Frage nach der
Wirklichkeit ist für ihn belanglos oder sinnlos. Der Instrumentalismus ist modern, klug
[beispielsweise in der Person des Philosophen Ernst Cassirers] und manchmal auch etwas
spitzfindig. Es ist schwer, sich ihm zu entziehen. Er besteht darin, als eine Fortsetzung
des Subjektivismus Denken als ein Denken in Modellen, als eine
Informationsverarbeitung zu betrachten und sich nicht mehr wirklich darum zu kümmern,
über welche Phänomene die Informationen informieren. Das ist ein Problem, das er vom
Subjektivismus geerbt hat, über den der Philosoph Donald Davidson schreibt: "Hat man
sich erst einmal für den cartesianischen Ausgangspunkt entschieden, weiß man - wie es
scheint - nicht mehr anzugeben, wofür die Belege eigentlich Belege sind". (4)
Instrumentalismus ist ein Sammelbegriff, er bezeichnet unterschiedliche
wissenschaftstheoretische Auffassungen, die darin übereinkommen, menschliche
Erkenntnis insgesamt oder wissenschaftliche Begriffsbildungen, Sätze und Theorien nicht
bzw. nicht primär realistisch, als Wiedergabe der Struktur der Wirklichkeit, sondern
als Resultat menschlicher Interaktionen mit der Natur zum Zweck erfolgreicher
theoretischer und praktischer Orientierung anzusehen. Für den Instrumentalismus sind
Theorien nicht Weltbeschreibungen, sondern Instrumente zur systematischen Ordnung
und Erklärung von Beobachtung und zur Prognose von Tatsachen. (5) In Kurzform wird
der instrumentalistische Ansatz von dem experimentellen Physiker Anton Zeilinger
wiedergegeben. Zeilinger sagt in einem Interview: "In der klassischen Physik sprechen
wir von einer Welt der Dinge, die irgendwo das draußen existieren, und wir beschreiben
diese Natur. In der Quantenphysik haben wir gelernt, dass wir da sehr vorsichtig sein
müssen. Die Physik ist letztlich nicht die Wissenschaft über die Natur, sondern die
Wissenschaft von den Aussagen über die Natur. Die Natur selbst ist immer eine geistige
Konstruktion. Niels Bohr hat das einmal so gesagt: Es gibt keine Quantenwelt, es gibt nur
eine quantenmechanische Beschreibung". (6)

Nagarjuna stellt diese vier extremen Wirklichkeitsbegriffe in einem Schema dar, das in
Sanskrit 'catuskoti', in griechisch 'Tetralemma' genannt wird. ...

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